Robert Enke, meine Depressionen und ich.

Am Sonntag jährt sich der Todestag von Robert Enke zum zehnten Mal.

Etwas länger als zehn Jahre leide ich unter Depressionen. Meine Persönlichkeitsstruktur ist Campaigner. Ich kann gar nicht anders, als Euch darüber zu berichten, weil es mir und für unsere ganze Gesellschaft so wichtig ist.

Ich war in drei Psychiatrien und zwei Tageskliniken. Ähnlich lang ist auch meine Krankenakte. Viele verschiedene Ärzte. Verschiedene Sichtweisen auf mich. Unterschiedliche Diagnosen. Zuerst wollte man mir eine narzisstische Persönlichkeitsstörung andrehen, was ich als wirklich schlimm empfand. Niemand möchte ein Narzisst sein und ich bin keiner. Später war es eine Bi-Polare-Störung. Mit beiden “Diagnosen” war ich nie zufrieden. Das passte zwar irgendwie, aber so vollumfänglich… nein, das war es nicht.

Beim Kiffen mit einem autistisch Freund ist mir klar geworden, dass ich ADHS habe und das war Mind-Blowing für mich. Ist es immer noch. Auf einmal eine Antwort auf 50.000 Fragen. Seit ein paar Wochen heule ich jeden Tag. Es ist anstrengend, aufwühlend, fantastisch und vor allem erleichternd. Aber auch enttäuschend über das System, das mich so lange verarscht hat mit seinen Diagnosen und Gängelungen. Im Zeugnis der dritten Klasse steht, dass ich weiterhin meine Konzentrationsfähigkeit und mein Arbeitstempo steigern muss

Mein Zeugnis in der dritten Klasse.

Dieses muss ist das Erste, was sie einem in der Psychotherapie rausoperieren. Ich muss gar nix. Nicht mal atmen. Das geht automatisch. Aber ich möchte. Und heute möchte ich euch davon erzählen.

Robert Enke war Nationaltorhüter und für mich irgendwie schon immer besonders. Ich kann mich an die Szene erinnern, wie er sein Kind durch das Stadion trug, welches später sterben sollte. Robert und Lara. Dieser Mann war sensibel. Und er hatte Depressionen. Wie ich. Und auch wieder nicht wie ich, weil jede Depression anders ist. Aber das wusste ich auch erst später. Nämlich als Robert sich vor einen Zug geworfen hat. Er hat sich vor einen fucking Zug geworfen. Wart ihr schonmal an dem Punkt? Habt ihr schon mal die Stockwerke von Hochhäusern gezählt, um zu überlegen, ob das reicht, wenn man runterspringt?

Ich habe April 2018 bis April 2019 im Bett verbracht, Zeug auf Youtube geguckt und war regelmäßig alle vier Wochen beim Arzt. Keine Tabletten schlugen an. Mein Gewerbe musste ich nach 10 Jahren aufgeben, eine Krankenversicherung hatte ich eh schon lange nicht mehr. Ich war wirklich drüber, ich konnte eigentlich schon lange nicht mehr und habe versucht weiterzumachen. Stark sein, alles doch noch rumreißen, Aufträge abarbeiten, Geld verdienen, die sich aufgehäuften Rechnungen begleichen, ein Leben neben der Arbeit haben, ein Freund sein, Freude empfinden, Kontakte pflegen, ein guter Mensch sein: Es ging nicht. Und in einer kapitalistischen Gesellschaft, die dir als Hauptgewinn das Burnout-Abzeichen für viel zu viel Leistung verleiht, ist es schwierig zu akzeptieren, dass man gerade einfach nicht mehr kann.

Als ich depressiv im Bett lag war es so, dass ich am Anfang noch Viele meldeten. Ich hatte keine Kraft zu antworten. Auf “Hey wie gehts?” möchte man nicht schreiben “beschissen, liege im Bett, habe es gerade noch geregelt bekommen, dass ich Hartz IV kriege, musste mein Gewerbe abmelden und gehe jetzt für alberne 35.000 € in die Privatinsolvenz und du so?” – ich habe einfach gar nicht mehr geantwortet.

Dieser Podcast musste pausieren, obwohl er mir wichtig ist. Danke, dass ihr alle noch da seid. Von ganzem Herzen: Herzlichen Dank.

Die letzte Folge vor meinem Absturz war die mit Univ.-Prof. Dr. rer. pol. habil. Gerrit Brösel, die erfolgreichste aller Zeiten. Ich habe nichts verstanden. Die Aufnahme ging drei Stunden, zwischendurch ging zweimal das Aufnahmegerät aus und ich wusste, ich stürze hier bald ganz ab. Habe versucht weiterzumachen, wusste mir aber nicht zu helfen.

Helft! – In dem ihr da seid. 

Seid einfach da. Macht euch sichtbar. Immer wieder. Ein Freund von mir hat mir Nachrichten geschickt und einfach erzählt, was er gerade so macht. Er hat keine Antworten bekommen, weil mich sein Leben völlig überfordert hat. Aber er war da. Viele wollten mir helfen, aber konnten nicht. Sie wussten nicht wie. Und es gibt darauf leider keine Antwort. Eine Freundin ist für mich immer einkaufen gegangen. Einfach so. Die hat mir Zeug in die Wohnung geschleppt, ich konnte mich nichtmal dafür schämen, dass jemand für mich einkaufen geht, ich hatte keine Kraft. Ich hatte keine Kraft für irgendwas. Ihr könnt nichts machen. Stellt keine Anforderungen. Depressionen müssen vor allem vom Patienten erstmal akzeptiert werden. Sagt auch keine Sätze wie “jetzt geb dir mal einen Ruck”, da gibt man sich keinen Ruck. Es geht schlicht und ergreifend nicht. Was nicht geht, kann man nicht erzwingen. Aber man kann kleine Schritte in die richtige Richtung gehen.

Ihr könnt niemanden retten. Wirklich nicht. Und es ist auch nicht eure Aufgabe. Ihr könnt nur da sein und das immer wieder wiederholen. Leute die da sind, retten Leben. Leute, die Depressionen thematisieren und sie damit weiter enttabuisieren retten Leben. So wie Theresa Enke.

Die Robert-Enke-Stiftung

Theresa Enke, die ich wirklich bewundere für die Pressekonferenz, die sie damals nach dem Tod ihres Mannes abhielt. Sie sagte, dass sie dachte, dass man mit Liebe alles reparieren kann. Manchmal reicht selbst das nicht. Ich bewundere diese Frau. Sie hat ein Löwenherz und sie bespielt die Plattform Bundesliga jetzt mit der Robert-Enke-Stiftung.

Unter anderem mit einer virtuellen 3D-Brillen Erfahrung. Ich weiß, wer dahinter steckt, es ist Raphael Brinkert zusammen mit der Robert-Enke-Stiftung, mit dem ich mich angefreundet habe, seit wir gepodcastet haben. Das war mein erster “Auswärts-Podcast”, ich war noch in der Klinik und ich habe seit über einem Jahr wieder mit einem “fremden” Gast gesprochen. Es war furchtbar. Batterien vergessen, Netzrauschen im Gespräch. Aber auch das hat mich zurück ins Leben geholt.

Ich kann die VR-Tour leider nicht mitmachen. Ich hab Schiss, dass sie schlecht ist aber ich bin mir sicher, dass sie gut ist. Und wenn sie gut ist, will ich auf gar keinen Fall wieder erfahren, wie es mal war, als es mir nicht gut ging. Versteht ihr das?

Trigger-Warnung: Zug kommt.

Mir geht es jetzt wieder gut. Ich hatte einen schönen Spätsommer. Einmal war ich mit einer Freundin draußen in der Sonne und plötzlich habe ich mich erschrocken, weil wir vielleicht 10 m von den Bahngleise rumgelegen haben und da kam ein Zug.

Ich musste ein Video davon aufnehmen, weil es mich so erschrocken hat. Es gab eine Nacht im Jahr 2018 in der ich wirklich sehr kurz davor war, mir das Leben zu nehmen. Depressionen sind in vielen Fällen tödlich und das müssen sie nicht sein. Ich hab beim Aufnehmen an Robert Enke gedacht und das Video vertwittert. In dem Tweet steht, dass es viele Menschen da draußen gibt, die genau wissen, wo es passieren könnte, wenn es passieren muss. Ich weiß, dieses Video ist schrecklich, vor allem in diesem Kontext.

Traut euch zu sprechen.

Mein für viele von Euch übertriebenes Twitter-Rumgepose führte dazu, dass sich zahlreiche Leute per DM bei mir melden. Ganz viele davon haben total Schiss, sich zu öffnen. Ich versteh das nicht, weil ich ja mehr als transparent gemacht habe, dass ich euch mehr als verstehen werde können. Aber das macht nix. Ich möchte helfen. Ich will nicht euer Therapeut sein, aber ich helfe euch, eine ärztliche Grundversorgung auf die Beine zu bekommen.

Falls es echt dringend wird und ihr so wie ich im April 2018 den Ort ausgeguckt habt, wo der Zug kommen soll: Ruft bitte die Telefonseelsorge an, das geht jetzt auch per Chat oder per E-Mail. Die beraten euch. Es ist ein erster Schritt in eine richtige Richtung.

Danke an Alle, die da waren. Danke, dass ihr seid, wie ihr seid. Mit Liebe und Fehlern. Macht was schönes. Seid gut zu euch. Da sind Wolken am Himmel aber dahinter, dahinter scheint wirklich die Sonne. Für uns alle.

Gruß Pepo!!!

Kommentare (1)

  1. Hühnerpelle.Gut, dass die Sonne wieder da ist

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